Jakarta Food Journal 1: Die Stadt, die Menschen und das Essen

Jakarta Food Journal 1: Die Stadt, die Menschen und das Essen

Dies ist der Auftakt zum Jakarta Food Journal. In einer Reihe von Posts werde ich über meine Reise in das kulinarische Herz der indonesischen Hauptstadt berichten. Fasten your tastebuds and follow me!

Die Reise

„Wo wollen Sie so spät noch hin?“, fragt mich der junge Beamte, der mein Sohn sein könnte. Es ist kurz nach 22:00 Uhr, als ich am Flughafen Frankfurt an der Passkontrolle mein Reisedokument zeige. Ich grinse innerlich über den Kommentar, denn spät ist anders, antworte aber höflich: über Kuala Lumpur nach Jakarta will ich.

steinbauer-groetsch©2016

Ein Trip in das kulinarische Herz der indonesischen Hauptstadt liegt vor mir – es ist der Preis, den ich als Siegerin des Blogevents Streetfood & Sambal anlässlich der Buchmesse 2015 gewonnen habe; Indonesien war dort im letzten Jahr Ehrengast. Auf Einladung des indonesischen Ministeriums für Tourismus  werde ich fünf Tage in Jakarta verbringen, Köche und kulinarische Experten besuchen, in Restaurants und auf Street Food Märkten essen und die historische und moderne Seite Jakartas entdecken. Ich hatte mich bei der Planung der Reise gegen Bali entschieden, weil ich dort schon einmal war, und weil ich neugierig war auf eine Stadt, in der wie in einem Brennglas die ganze Vielfalt der indonesischen Küche und Landeskultur vereinigt ist. Via Email hatte ich mit meiner Kontaktperson Panji Pamungkas Flug und Programm abgesprochen, aber jetzt, wo es wirklich los geht, bin ich doch ein wenig nervös. Wie wird mich diese Stadt, wie werden mich ihre Menschen empfangen?

Das Land

Indonesien ist der größte Archipel der Welt, der Staat besteht aus über 17.000 Inseln, 8000 davon sind bewohnt.

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Mehr als die Hälfte der Bevölkerung von 250 Millionen, nämlich 143 Millionen, leben auf Java, im Großraum Jakarta allein sind es über 30 Millionen. 30 Millionen und ich mitten drin. Meine Nervosität steigt, als ich nach ein paar Tagen in Kuala Lumpur das Flugzeug nach Jakarta besteige. Der islamistische Anschlag im Zentrum der Stadt sitzt im Hinterkopf, die schiere Größe der Stadt auch. Gleichzeitig bin ich neugierig und voller Erwartung, eine Mischung, die für mich das Reisen so spannend macht. Denn wer sich nicht aus der eigenen Komfortzone heraus wagt, der erlebt auch nichts Neues. Denn um Neues zu erleben, bin ich schließlich unterwegs; ich will mehr erfahren über dieses faszinierende Land mit seinen vielfältigen Ethnien und seinen kulinarischen Besonderheiten. Als wir landen, fällt mir plötzlich auf, dass ich gar nicht weiss, ob Panji ein weiblicher oder männlicher Vorname ist. Ich habe nur eine Whatsapp Nachricht und die lautet: Ich trage blaue Kleidung und warte am Ausgang auf dich.

Die Stadt

Die feuchte, schwüle Wärme der Tropen empfängt mich, als ich aus dem Flughafengebäude trete. Kaum eine Minute später winkt mir schon Panji zu. Er trägt, wie beschrieben, blaues Hemd und blaue Hose und begrüßt mich herzlich. Damit ist die Geschlechterfrage geklärt und mein Abenteuer in Jakarta kann beginnen. Es scheint zu stimmen, was ich vor meinem Besuch über die Stadt gelesen habe: der Lärm ist ohrenbetäubend, die Luft schlecht und das Verkehrschaos und die vielen Staus zeitraubend und nervenaufreibend. Touristisch ist Jakarta eher ein Nebenschauplatz, denn die Sehenswürdigkeiten halten sich in Grenzen. Exemplarisch für die Geschichte der Stadt sind zwei Orte. Zum einen die Reste des alten Batavia, wie die Stadt zu Zeiten des niederländischen Machteinflusses hieß – verblasste Zeugen der kolonialen Vergangenheit. Viel ist nicht geblieben: ein Marktplatz, der von historischen Gebäuden umsäumt ist, sowie ein paar umliegende Straßenzüge und Museen. Immerhin, das Viertel ist als einziges autofrei, wenn man mag, kann man es per Rad erkunden.

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Der Merdekaplatz, der Platz der Unabhängigkeit, ist der Gegenpol dazu. Hier schlägt das Herz des modernen Jakarta. Eine 132 Meter hohe Siegessäule mit einer goldüberzogenen Flamme dominiert die Anlage, die von Sukarno, dem ersten Präsidenten der unabhängigen Republik Indonesien errichtet wurde, um den Sieg über die Kolonialmacht Niederlande zu bezeugen. Um den riesigen Platz herum liegen die Emmanuel-Kirche, gemeinsam genutzt von Lutheranern und Reformierten, die katholische Kathedrale und die Istiqlal-Moschee, die ebenfalls unter Sukarno gebaut wurde. Sie bietet Platz für 120.000 Gläubige und ist damit die zweitgrößte Moschee der Welt. Viel sehe ich nicht von den Gebetshäusern, der Platz wirkt auf mich wie ein großer Magnet, der magisch alle Fahrzeuge zieht, die sich ihm nähern, um sie auf unsichtbaren Bahnen um sich herum zu lenken und sie dann nach allen Richtungen wieder auszuspucken.

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Es sind diese riesigen Dimensionen der Stadt, die Massen von Menschen, Motorrädern, Bussen, Bajais und Autos, die mich überwältigen, aber auch faszinieren. Jakarta fühlt sich für mich an wie ein Ungetüm, das man nicht besiegen kann, mit dem man aber leben kann, wenn man sich ihm fügt.

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Ich bin von Natur aus ziemlich lärmempfindlich und mag eigentlich auch keine großen Menschenansammlungen, aber komischerweise stört mich das alles hier nicht besonders. Ich fühle mich auch keinen Augenblick lang unsicher, obwohl mein Hotel ganz in der Nähe des furchtbaren Anschlags liegt. Und ich merke schnell, woran das liegt. Es sind die Menschen, ihre unvoreingenommene Freundlichkeit, ihre endlose Geduld und ihre herzliche Zugewandtheit, die die eigentliche Qualität von Jakarta ausmachen. Unter der hektischen und chaotisch erscheinenden Oberfläche liegt eine sorgsam geknüpfte feine Decke aus menschlicher Wärme, Hilfsbereitschaft und Fröhlichkeit, in die mich alle, denen ich begegne, großzügig und ohne Vorbehalte einhüllen.

Die Menschen

Vom Portier bis zum Fahrer, von der Servicekraft bis zum Straßenverkäufer, vom Koch bis zum Hotel Manager – die Menschen, denen ich in diesen fünf intensiven Tagen begegne, sind sehr bei sich, sehr authentisch und sehr offen. Alle heißen mich willkommen und stellen sich meinen Fragen und meiner Kamera geduldig.

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Selbst Ratna Suranti, Marketing-Direktorin im Tourismusministerium, nimmt sich die Zeit, mich persönlich zu begrüßen. Im Gespräch geht es um die touristische Attraktivität Indonesiens, um Kulturdenkmäler und Naturschätze. Die Fachfrau hat ein ausgefallenes Hobby, sie ist begeisterte Taucherin und kennt die besten Plätze in der vielfältigen Unterwasserwelt Indonesiens.

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Auch William Wongso ist ein profunder Kenner der indonesischen Inselwelt, sein Spezialgebiet ist allerdings die Kulinarik. Jahrelang reiste er von Eiland zu Eiland, immer auf der Suche nach den besten regionalen Spezialitäten. Seinen schier unerschöpflichen Wissensschatz teilt er großzügig mit mir. Ich fühle mich wie im Schlaraffenland, als während unseres Interviews plötzlich eine Mitarbeiterin mit einem frisch gebratenem Hühnchen auftaucht. Außen knusprig, innen entbeint und mit einer aromatischen Hackfleischfüllung versehen, ist schon der erste Bissen eine Offenbarung.

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Kaum haben wir den Vogel verspeist, schlägt William spontan vor, mit mir die Gerichte der Insel Lombok zu verkosten. Er führt mich in ein einfaches Restaurant bei ihm in der Nachbarschaft in Süd-Jakarta und bestellt einen Querschnitt typischer Speisen. Sie zeichnen sich vor allem durch den intensiven Gebrauch von Trassi aus, jener fermentierten Garnelenpaste, die so wichtig ist für die indonesische Küche. Die Saté-Spieße, der sautierte Wasserspinat, der gebackene Tempeh und das Huhn haben einen sehr intensiven Trassi-Geschmack, der für meine Geschmacksnerven etwas gewöhnungsbedürftig ist. Ich komme kaum mit dem Essen, Fotografieren, und Notieren hinterher. Geduldig beantwortet William meine Fragen und buchstabiert die Namen der mir fremden Speisen.

Aber damit nicht genug. Kurze Zeit später sitzen wir in einem anderen Restaurant namens Saté Ku, in dem Williams Meinung nach die besten Lamm-Saté-Spieße der Stadt gegrillt werden. Frisch geschnitten und über glühend heißen Kohlen gegart werden sie auf einer gusseisernen Platte zischend zu Tisch getragen. Ich platze schon fast, aber kann nicht widerstehen und siehe da, in irgendeiner Ecke meines Magens ist tatsächlich noch Platz für diese wunderbaren Spießchen.

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Beim Abschied lädt mich William für den nächsten Morgen ein, mit der lapidaren Anmerkung, es würden ein paar seiner Freunde zum Lunch kommen und ich könne seinem Koch Herman bei der Zubereitung des Essens gerne über die Schulter schauen. Wie dieser Tag ablief, und was William mit ein paar Freunden meinte, dazu mehr in einem eigenen Post.

Ein weiteres Highlight ist das Wiedersehen mit Bara Pattiradjawane, einem der bekanntesten Fernsehköche des Landes. Bara ist quasi der Tim Mälzer Indonesiens. Ihn lernte ich in der Küche der Gourmet Gallery auf der Frankfurter Buchmesse kennen, als ich dort mein Showkoch-Event vorbereitete. Lose vereinbarten wir ein Treffen in Jakarta, und Bara hält Wort. Er lädt mich und seine Kollegin, die ebenso bekannte TV-Köchin Sisca Soewitomo, zum Abendessen in das Restaurant Méradelima ein.

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Das Wiedersehen ist herzlich und ich bin fast beschämt über die Gastgeschenke der beiden. Bara hat mir einen wunderbaren handgewebten Schal von Bali mitgebracht und Sisca ein komplettes traditionelles indonesisches Outfit, und das, obwohl sie mich gar nicht kennt. Da ist sie wieder, diese uneingeschränkte Freundlichkeit. Glücklicherweise habe auch ich Präsente bereit, so dass ich mich ein wenig revanchieren kann. Natürlich schlüpfe ich gleich in das neue Gewand, das mit großer Erheiterung kommentiert und per Handy dokumentiert wird. Dann steht auch schon eine Vielzahl von gut gefüllten Tellern und Schalen auf dem Tisch – authentische Peranakan-Küche. Bara und Sisca erklären mir, dass man in Indonesien Menschen mit chinesischen Wurzeln als Peranakan bezeichnet, die Peranakan-Küche dementsprechend eine Mischung aus indonesischen und chinesischen Einflüssen ist. Tatsächlich schmecken die Gerichte anders als alles, was ich in den Tagen vorher verkostet habe, man kann deutlich den chinesischen Ursprung schmecken, zum Beispiel das typische Süß-Sauer Aroma. Das ist allerdings mit indonesischen Gewürzen, Kräutern und Kokosmilch vermischt. Eine spannende kulinarische Erfahrung, über die ich noch einmal gesondert berichten werde. Und ein unvergesslicher Abend mit großartigen Menschen, die ich sehr vermisse.

Großartig war auch die Hilfe und Unterstützung von Panji. Er organisierte nicht nur das Programm, sondern begleitete mich auch täglich auf den Streifzügen durch Jakarta. Ohne seine ruhige Umsicht, seine zahllosen Telefonate im Hintergrund und seine Geduld wäre ich verloren gewesen und hätte nicht einen Bruchteil der Erfahrungen machen können, mit denen ich nach Hause gekommen bin.

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Panji führte mich von Restaurant zu Restaurant, um mit mir die lokalen Spezialitäten zu verkosten, zeigte mir Street Food Stände und Märkte. Und arrangierte alle die Treffen mit der lebendigen kulinarischen Szene Jakartas. Thank you so much for this experience, Panji, you helped me to broaden my taste and widen my cultural horizon so much!

Das Essen

Jakarta ist eine Stadt voller Gegensätze, auch kulinarisch. Vom einfachsten Street Food Stand bis hin zum luxuriösem Hotel-Restaurant gibt es alle Schattierungen. Also wirklich alle! Und – Essen ist zu jeder Tages- und Nachtzeit praktisch auf Schritt und Tritt verfügbar; in keiner anderen Stadt, die ich kenne, habe ich derart viele Märkte, Straßenverkäufer und Imbissbuden gesehen.

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Saté-Spieße in allen Variationen, gebackene Bananen, mit Schokolade gefüllte Pfannkuchen, Laksa und Ochsenschwanzsuppe a la Jakarta – die Vielfalt der Speisen ist unglaublich. Meine Geschmackssinn bekommt ständig neue Informationen, die mich zum Jubilieren bringen. Und ich stelle fest, dass zwischen dem Original und der europäischen Version indonesischen Essens nicht nur geografisch viele tausend Kilometer liegen, sondern mindestens die gleiche geschmackliche Entfernung.

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Ob man überall auf der Straße essen sollte? Da sage ich deutlich nein, auch ich habe mich ein paar mal verweigert. Das lag aber nicht unbedingt an den Lebensmitteln, die sind ja in der Regel gegart, sondern an dem Mehrweggeschirr, das viele einfache Street Food Verkäufer benutzen. Das ist zwar ökologisch sinnvoll, aber wenn die Teller in Spülwasser gereinigt werden, das eher wie Abwasser aussieht, dann ist das Gesundheitsrisiko für uns ungeübte Touristen reichlich groß. Mit der Devise zuschauen, wie das Essen zubereitet wird und einem Blick auf den Spüleimer bin ich super gefahren. Kein einziges Mal hatte ich Magenbeschwerden. Und in den ordentlichen Restaurants der Stadt kann man sowieso unbenommen essen.

Jakarta Food Journal
So, das war er, der erste Teil des Jakarta Food Journals. Was ich wie und wo noch so alles verspeist habe, in welche Kochtöpfe ich schauen durfte und wie vielfältig die Küche Indonesiens ist, das werde ich in den nächsten Tagen berichten.

Auf Folgendes kannst du gespannt sein:

– Peranakan-Küche und zwei Fernsehstars: Supercook Bara und Sisca Soewitomo
– Besuch bei einer kulinarischen Instanz: William Wongso
Spezialitäten aus Jakarta: Ochsenschwanzsuppe und Soto Betawi
– Street Food – süße und herzhafte Snacks
Die besten Saté-Plätze der Stadt
– Das Kosenda Hotel – Cool Place, Cool People, Cool Atmosphere

Und natürlich Rezepte

Soto Betawi – Rindfleischsuppe aus Jakarta

Kohu Kohu – scharfer Kokos-Räucherfisch-Salat

Hören kannst du meine live Eindrücke aus Jakarta auf www.kochblogradio.de in der Rubrik Foodkorrespondenten.

Die Reise wurde vom indonesischen Ministerium für Tourismus unterstützt.

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3 Kommentare
  1. Großartig Barbara! Ich freu mich für dich und auf dich kommende Woche und auf deine Berichte.

  2. Oh wie aufregend! Habe jeden Satz verschlungen. Was für eine Reise!
    Ich freue mich so für dich.

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