Was aßen sie? Die Amsterdamer Foodblogger Toni Mazel und Stijn Nieuwendijk

Was aßen sie? Die Amsterdamer Foodblogger Toni Mazel und Stijn Nieuwendijk

Wie kommt das Rezept eines deutschen Gänsebratens auf den holländischen Foodblog Blog Wat aten zij? (Auf deutsch Was aßen sie?) Das fragte ich zuerst mich und wenig später Toni Mazel und Stijn Nieuwendijk, die hinter der Seite stecken. In ihrer Wohnung im Herzen von Amsterdam trafen  wir uns bei einem köstlichen selbstgebackenem Riccotta-Kuchen. Toni hat eine deutsche Mutter und wohnte als Kind in Deutschland und im Norden der Niederlande. Mit neunzehn kam sie nach Amsterdam. Stijn ist ein echter Amsterdamer. Kennengelernt haben sich die beiden während eines Italienisch-Kurses an der Uni, wo sie nicht nur die Liebe zur italienischen Küche, sondern auch zueinander entdeckten. Die beiden sprachen mit mir über ihre Blog-Philosophie, ihre kulinarischen und kulturellen Wurzeln und über die Besonderheiten der niederländischen Esskultur. Und verrieten, wo in Amsterdam man richtig gut essen gehen kann.

 

steinbauer-groetsch©2014

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Essen und Kochen sind flüchtig

Wie seid Ihr zum Bloggen gekommen?

Stijn: Wir kochen gern für unsere Familie und Freunde und haben den Blog anfangs als eine Art Erinnerungsstütze genutzt, um uns nicht zu wiederholen.

Toni: Ich finde, dass Essen und Kochen sehr flüchtig sind. Dagegen wollten wir etwas tun und haben 2009 mit dem bloggen begonnen.

Wie oft bloggt ihr?

 Toni: Wir arbeiten beide Vollzeit, aber wir versuchen, ein bis zweimal pro Woche zu bloggen.

Foto: StijnNieuwendijk, mit freundlicher Genehmigung

Foto: StijnNieuwendijk, mit freundlicher Genehmigung

Wer sind Eure Leser?

Stijn: Wir haben eine Gruppe von festen Lesern aus dem Bekanntenkreis und aus der Foodszene. In den sozialen Medien tummeln wir uns nicht sehr oft, weil wir unseren Blog nicht aus kommerziellen Gründen betreiben.

Reflexionen zur Esskultur

Wie hat sich Euer Blog im Lauf der Jahre entwickelt?

Stijn: Die ersten Posts waren noch sehr einfach, nach dem Motto „Heute Abend haben wir dies oder das gegessen“. Es gab keine Rezepte und kaum Fotos. Nach einer Weile entwickelten wir aber doch Ambitionen. Wir wollten im Netz gefunden werden und fingen an, Rezepte zu posten, vor allem zur mediterranen und deutschen Küche. Daneben schreiben wir auch Restaurant-Kritiken.

Toni: Ich beschäftige mich vor allem mit unterschiedlichen Trends in der Esskultur und mit globalen Food-Bewegungen wie Slow Food, weil ich zu diesem Thema auch promoviere. Wenn wir reisen, dann schreiben wir über Produkte, die wir neu kennenlernen. Auch die Fotos von Stijn spielen eine wichtige Rolle.

Dann ist Euer Blog eine sorgfältige illustrierte Mischung aus Rezept-Datenbank und Reflexion zum Thema Esskultur?

 Stijn: Ja, das stimmt. Wir haben uns darüber hinaus vorgenommen, in Zukunft häufiger über Menschen zu berichten, die Nahrungsmittel sorgsam und nachhaltig herstellen und verarbeiten. Das finde ich sehr spannend und dafür habe ich sehr viel Respekt.

Foto: StijnNieuwendijk, mit freundlicher Genehmigung

Foto: StijnNieuwendijk, mit freundlicher Genehmigung

Ist nachhaltige Lebensmittel-Produktion ein neuer Trend in den Niederlanden?

Stijn: Ich weiß nicht, ob das eine rein niederländische Entwicklung ist. Ich denke, die Bewegung ist global, aber hauptsächlich im urbanen Milieu verwurzelt. Dort beginnen gut ausgebildete Menschen mehr und mehr darüber nachzudenken, woher ihr Essen kommt.

Toni: Die Food-Bewegung ist keine Subkultur mehr, sie ist kommerziell und im Mainstream angekommen. Zum Beispiel Jamie Oliver. Er bringt den Menschen bei zu kochen, aber er hat natürlich kommerzielle Interessen. Trends und Kommerz vermischen sich mit echtem Informationsbedürfnis und einer kritischeren Konsumentenhaltung.

Pragmatisches Verhältnis

In Deutschland nimmt das Ernährungsverhalten manchmal fast religiöse Züge an. Ist das in den Niederlanden auch so extrem?

Toni: Ich denke, in den Niederlanden ist die ganze Nahrungsmittel-Debatte nicht so ideologisch aufgeladen wie in Deutschland. Es geht oft nur um gesundheitliche Gründe. Bestimmte Nahrungsmittel aus ideologischen Gründen nicht zu essen, das macht meiner Einschätzung nach nur eine Minderheit.

Stijn: Wir Niederländer beschäftigen uns sowieso nicht so sehr mit dem Essen. Ich finde, dass die Debatte in Deutschland historisch viel stärker verwurzelt ist, zum Beispiel in der Reformbewegung. Es gibt bei Euch eine längere Geschichte zum Thema bewusstes Essen und gesundes Leben.

Foto: StijnNieuwendijk, mit freundlicher Genehmigung

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Hat der Calvinismus zu diesem pragmatischen Verständnis von Essen beigetragen?

Toni: Ja, das stimmt: Nahrungsmittel werden traditionell in den Niederlanden mehr als Versorgungsstoffe für den Körper gesehen und nicht als etwas, das man genießen kann. Und bei uns kommen die Kosten immer vor dem Geschmack.

Haushaltsschulen mit Einfluß

Wenn man die Stillleben berühmter Maler aus dem goldenen Zeitalter betrachtet, dann biegen sich die Tische. War das Verhältnis zum Essen im 16. Jahrhundert anders?

Stijn: In dieser Zeit gab es eine bereite Schicht von wohlhabenden Bürgern und Essen war im Überfluss vorhanden.

Toni: Der Hang zur Sparsamkeit beim Essen und relativ geschmacksneutralen Gerichten ist  erst im 18. Jahrhundert entstanden. Johannes van Dam (kürzlich verstorbener, bekanntester Kulinarik- Kritiker der Niederlande) führt diese Entwicklung auf das Entstehen der Haushaltsschulen zurück. Die Damen der Den Haager Oberschicht wollten auch die niedrigen Stände zum guten Haushalten erziehen. Die Gerichte, die man in diesen Schulen lernte, waren einfalls- und geschmacklos und auf ein Höchstmaß an sparsamen Wirtschaften ausgerichtet. Vom 19. Jahrhundert bis 1960 hatten diese Haushaltsschulen einen großen Einfluss auf die niederländische Kochkultur.

Foto: StijnNieuwendijk, mit freundlicher Genehmigung

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Das ist sehr interessant , ein ganz neuer Aspekt. Was ist davon heute noch übrig?

Stijn: Ich denke, dass die Menschen, die noch klassisch niederländisch essen, also Kartoffeln, Gemüse, Fleisch, die werden immer weniger. Dazu tragen natürlich auch die Supermärkte bei, die permanent neue Produkte verfügbar machen.

Bewußtsein für Regionalprodukte

In Deutschland wird der Regionalgedanke ganz groß geschrieben. Wie sieht das hier in den Niederlanden aus?

Stijn: Im Prinzip haben wir auch ganz viele regionale Produkte in den Provinzen.

Toni: Als ich in Friesland und Groningen aufwuchs, da gab es aber das Bewusstsein für Regionalprodukte überhaupt nicht. Das ist echt eine neue Entwicklung. Es gibt mittlerweile auch bei uns Köche, die nur mit lokalen Produkten arbeiten.

Stijn: Der selbstverständliche Umgang mit der regionalen Esskultur, der war bei uns schon einige Zeit vergessen. Es kommt wieder zurück, aber nicht auf ganz breiter Basis.

Was sagt das niederländische Essen über die niederländische Kultur aus?

Toni: Ich sehe da zwei Dinge: einmal die Sparsamkeit, eben dass der Preis immer über den Geschmack geht, das ist typisch niederländisch.

Kannst du ein Beispiel nennen?

Toni: Während der Hummer-Saison in Zeeland, da kommen vor allem  Belgier, um den Osterschelde-Hummer zu genießen. Die Niederländer essen eher Muscheln.

Stijn: Ich würde noch den Pragmatismus hinzufügen. Essen muss einfach und schnell zuzubereiten sein. Innerhalb dieses Rahmens sind wir offen für alles.

Foto: StijnNieuwendijk, mit freundlicher Genehmigung

Foto: StijnNieuwendijk, mit freundlicher Genehmigung

Ihr wohnt in Amsterdam. Was ist das Besondere an der Amsterdamer Foodszene?

Stijn: Es gibt einen ständigen Hype um neue Restaurants, die man besucht haben muss.

Toni: Die Szene ist hipp und trendy. Es gibt zum Beispiel  Pop-up Restaurants, die dann nur ein paar Wochen oder Monate geöffnet haben.

Stijn: Das Schlagwort hier heißt Konzept-Gastronomie. Das finde ich manchmal etwas übertrieben. Ich brauche kein Konzept, ich will eigentlich nur gut essen.

Toni: Die Bistro-Küche und die Jungen Wilden sind auch in Amsterdam gefragt. Und die Gastro-Szene ist sehr international. Wir haben eine riesige Auswahl an Länderküchen. Neue asiatische Restaurants vor allem, die koreanische oder vietnamesische Küche bieten.

Restaurant Tipps für Amsterdam

Habt Ihr ein Lieblingsrestaurant?

Stijn: Wir gehen sehr gern ins Rijsel.

Toni: Dort serviert man nordfranzösische, flämische Gerichte.

Stijn: Das Essen ist unkompliziert, aber sehr gut und es ist absolut bezahlbar. Ein sehr angenehmes Restaurant. Die Leute haben ein tolle Fachkenntnis und sind total gastfreundlich und serviceorientiert.

Toni: Ja, mit dem Service steht es nicht überall zum besten, weil viel fachfremdes Personal in diesem Bereich arbeitet.

Stijn: Das Bordewijk mögen wir auch. Das Interieur ist etwas altmodisch, aber die Qualität  des Essens ist großartig. Dort steht ein Koch aus Limburg am Herd.

Letzte Frage. Wenn man als Deutscher Tourist in die Niederlande kommt, was muss man Eurer Meinung nach unbedingt essen?

Toni: Matjeshering mit jungem Genever und indonesische Reistafel. Und den friesischen Nagelkaas, den Käse mit Nelken. Das ist eine echte regionale Spezialität.

Stijn: Ich liebe Appelstroop, einen Brotaufstrich aus Limburg. Und lokalen Fisch und Schalentiere, die muss man unbedingt versuchen, wenn man in den Niederlanden ist.

Foto: StijnNieuwendijk, mit freundlicher Genehmigung

Foto: StijnNieuwendijk, mit freundlicher Genehmigung

Toni, Stijn, vielen Dank für dieses Interview. Ich finde, wir sollten als nächstes zusammen kochen, deutsch-niederländische Fusion im Kochtopf!

Vielen Dank an Stijn für das Überlassen der tollen Fotos.

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