Bio in Globalistan?

Bio in Globalistan?

So wie man isst – so ist man. In dieser Redewendung steckt sicher mehr als ein Körnchen Wahrheit. Denn die Einstellung zu der Nahrung, die wir unserem Körper zuführen verrät viel über unsere Einstellung zu Gesundheit und Wohlergehen, aber auch über unser Verantwortungsbewusstsein als Konsumenten und Bürger.

Ist Bio besser?

Die Frage, ob Bio besser ist als konventionelle Lebensmittel, kann in Deutschland durch eine neue Veröffentlichung der Stiftung Warentest offensichtlich entspannter beantwortet werden als bisher. Vom besseren Abschneiden biologischer Lebensmittel im Vergleich zu konventionellen ist darin nämlich nicht die Rede. Im Gegenteil  – die Bilanz der Tester, die seit 2002  85 Nahrungsmitteln untersuchten, unter denenauch Bio-Produkte vertreten waren, ist ernüchternd: Insgesamt liegt die konventionelle Kost mit 45 % der Note „gut“ oder „sehr gut“ knapp vor der Bio-Ware, bei der nur 41% die gleiche Bewertung bekam. Nur bei beim Pestizitgehalt schneidet Bio deutlich besser ab. In Deutschland ist es also mit gesundheitlichen Unbedenklichkeit konventioneller Lebenmittel recht gut bestellt.

Förderung regionaler Wirtschaftskreisläufe

Geschmack und Qualität sind jedoch nur ein Kriterium, das man beim Lebensmittelkauf beachten sollte. Mindestens ebenso wichtig sind die ökonomischen, sozialen und strukturellen Bedingungen, unter denen diese produziert werden. Unterstütze ich durch den Kauf bei großen Ketten globale Einkaufs- undVertriebsstrukturen, die wenig Wert auf Nachhaltigkeit legen und Zulieferern nur marginalen Handlungsspielraum lassen? Oder versuche ich, durch den Kauf lokal und saisonal produzierter Lebensmittel, regionale Wirtschaftskreisläufe und dadurch eine tiergerechte und nachhaltige Landwirtschaft zu fördern?

Gemüse aus dem Garten

Ich bin mit Gemüse aus dem elterlichen Garten groß geworden und freue mich noch heute, wenn ich bei meiner Mutter oder Schwiegermutter zu Besuch bin, und der Salat direkt vom Beet auf den Tisch kommt. Meine Familie und auch die meines Mannes greifen bis heute wo möglich auf regionale Produzenten zurück, sei es auf dem Wochenmarkt, beim lokalen Metzger oder beim Gastwirt, der „Heimat auf dem Teller“ serviert. Mit diesen Werten bin ich aufgewachsen und deshalb versuche ich, auch in meiner jeweiligen Wahlheimat so gut es geht, regional und nachhaltig einzukaufen. Für mich sind soziale Verantwortung und die Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe ebenso wichtig, wie die biologische Qualität eines Lebensmittels. Deshalb ist die gesundheitliche Unbedenklichkeit eines Produktes nur ein unter vielen Entscheidungskriterien. Im Zweifelsfall greife ich lieber auf ein regional produziertes, konventionelles aber frisches Lebensmittel zurück, als dass ich im Bioladen teuere und nicht immer frische Importware kaufe.

Fisch ist nicht gleich Fisch

Für uns globale Nomaden ist es jedoch nicht immer einfach, die regionlen Händler, den Bioladen oder den Direktproduzenten vor Ort zu finden. Die Strukturen der Nahrungsmittelproduktion und -verteilung sind in den Niederlanden anders als in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Lebenmittelkontrollen oder Grenzwerte von Schadstoffen  in China unterscheiden sich von denen in Frankreich. Und so muss man sich als Weltbürger immer wieder aufs neue mit den Gegebenheiten des Nahrungsmittelangebots vor Ort auseinander setzen.

steinbauer-groetsch©2010

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Beispiel Niederlande

Als ich Anfang der 90er Jahre das erste Mal nach Holland zog, gab es  in meinem Wohnort, der Studentenstadt Leiden, einen kleinen Bioladen und dazu einen wöchentlichen Biomarkt, auf dem man Milchprodukte und Brot kaufen konnte. In den großen Supermarktketten dagegen waren ökologische Produkte kaum zu finden und auch lokale Direkterzeuger blieben mir, wenn es sie gab, verborgen. Natürlich kaufte ich, wo es ging, oft für viel Geld die biologische Variante, denn vor allem konventionell erzeugtes holländisches Gemüse hatte damals bei jedem, der auf gesundes Essen achtete, einen katastrophalen Ruf.

Als wir vor vier Jahren nach einem Jahrzehnt im Nahen und Mittleren Osten wieder in die Niederlande zurückkamen, war ich mehr als erstaunt, denn es hatte sich offensichtlich einiges getan.  Anders als in den 90ern wird nun zum Beispiel in der großen Supermarkt-Kette Albert Heijn fast zu jedem Produkt, sei es Milch, Fleisch oder Saft, eine biologische Variante angeboten. Die Bio-Läden gleichen mittlerweile kleinen Supermärkten, es gibt in Groningen einen biologischen Fleischer und in der Umgebung mehrere Bauernhöfe, die ihre nachhaltig und biologisch produzierten Waren direkt vermarkten. Am glücklichsten bin ich mitder  lokalen Gemüsegärtnerei in Nodlaren, bei der ich eben jenen frisch geernteten Salat bekomme, den ich von zu Hause kenne, und dazu noch vieles andere saisonale Gemüse und Obst. Was nicht selbst biologisch angebaut wird, kauft man dort ohne dogmatische Vorurteile auch mal konventionell zu, Hauptsache die Qualität stimmt.

Beispiel Vereinigte Arabische Emirate

Als ich 1996  von Holland nach Abu Dhabi umzog, war es zunächst vorbei mit Bio. Die großen Supermarktketten Spinny’s aus Großbritannien oder der französische Carrefour dominierten den konventionellen Nahrungsmittelmarkt mit konventionellen Produkten. Schwanger und doppelt vorsichtig war ich sehr unzufrieden mit dem Angebot, denn bei Nahrungsmitteln aus Schwellen- und Entwicklungsländern konnte ich die Belastung überhaupt nicht einschätzen. Also wandte ich mich beim Gemüse der holländischen Ware zu, die ich ein paar Monate vorher noch gemieden hatte, wie der Teufel das Weihwasser, denn sie erschien mir zumindest „kontrolliert belastet.“ Milchprodukte aus lokaler Produktion schmeckten sehr gut, und der örtliche Fischmarkt bot eine Vielfalt an fangfrischen regionalem Fischen und Krustentieren, die ich noch heute schmerzlich vermisse. (Ob die Fische allerdings entsprechend den Standards des Marine Stuartship Council gefangen worden waren – das wissen allein die Götter.) Die Süße der Datteln aus den Palmengärten in den Oasen um Al Ain und der Geschmack von Melonen und Mangos aus dem Nachbarstaat Oman war nicht zu übertreffen. Wie viel davon Bio war – ich habe keine Ahnung – in jedem Fall war die Ware frisch und kam von regionalen Erzeugern. Mittlerweile hat sich aber auch in den Emiraten in Bezug auf ökologisch angebaute Nahrungsmittel einiges getan. Abu Dhabi Organics produziert seit 2007 Bioware vor Ort im Emirat. Bei Mazaraa kann man diese und andere Produkte kaufen.

steinbauer-groetsch©2010

Mit Phantasie gelingt es

Niederlande und Vereinigte Arabische Emirate- zwei Länder, die unterschiedlicher nicht sein können. Zwei Kulturen, in denen Nahrungsmittel und Essen jeweils eine ganz eigene Wichtigkeit besitzen. Drei politische Systeme, von denen der Umgang mit und Zugang zu Nahrungsmittel anders gehandhabt wird. Aber in jedem dieser Länder ist es mir letztendlich möglich gewesen, regional, nachhaltig und ökologisch einzukaufen. Deshalb meine Aufforderung: egal ob du in Kalifornien lebst oder in Karachi – mach dich auf die Suche nach lokalen, nachhaltigen und gesunden Produkten und unterstütze dadurch die Erzeuger vor Ort.

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