Buttermilch im Pressezentrum – Journalistin Kerstin Schweighöfer im Interview

Buttermilch im Pressezentrum - Journalistin Kerstin Schweighöfer im Interview

Vor einigen Monaten fiel mir ein Buch in die Hände: Auf Heineken könn wir uns eineken. Mein fabelhaftes Leben zwischen Kiffern und Kalivnisten. Geschrieben hat es die deutsche Journalistin Kerstin Schweighöfer, die seit über 20 Jahren in den Niederlanden lebt und als Auslandskorrespondentin für die ARD-Hörfunkanstalten, das Nachrichtenmagazin Focus und das Kunstmagazin Art arbeitet. Das Buch ist eine Art Landeskunde anhand der Biographie der Autorin, unterhaltsam geschrieben und voller interessanter Details.

 

Persönliche Sicht auf das Land hinter den Deichen

Kerstin Schweighöfer zog Anfang der 90er Jahre der Liebe wegen nach Holland und schildert auf unterhaltsame Weise ihre ganz persönliche Annäherung an das Land hinter den Deichen. Für mich war das Buch in besonderer Weise spannend, denn beim Lesen stellte sich heraus, dass wir beide zur beinahe gleichen Zeit in der gleichen Stadt gelandet waren – Anfang der 90er Jahre in Leiden. Wir hatten, ohne uns zu kennen, die gleichen Restaurants besucht und in den gleichen Cafés gesessen.

Essen als Ausdruck kultureller Identität

Ich hatte beim Lesen des Buches immer wieder das Gefühl, dass die Autorin durch ihr Leben auch ein Stück auch meines Lebens in Leiden erzählte: „Ja genau, so war es!“ „Das habe ich auch erlebt!“ Diese Sätze kamen mir mehr als einmal über die Zunge. Was lag da näher, als Kerstin Schweighöfer zu kontaktieren und um ein Interview zu bitten. Sie sagte sofort zu und so führten wir letzte Woche ein langes Gespräch über die kulinarische Besonderheiten der Niederlande, über den Geschmack der Heimat auf der Zunge und über das Essen als Ausdruck kultureller Identität. Und Kerstin Schweighöfer verrät das Kuchenrezept, mit dem sie ihre Nachbarn nachhaltig beeindruckte.

Das Interview

ETH: Kulinarisch hatten die Niederlande in den 1990er Jahren nicht unbedingt den besten Ruf. Wie haben Sie das empfunden, als Sie nach Leiden kamen?

K.S.: Schon als sehr , sehr anders. Ich war vorher viel in Frankreich und der Kontrast war ziemlich groß. Zum Beispiel die die Arbeits-Mittagessen in Den Haag im internationalen Pressezentrum. Da bekamen wir Journalisten wirklich einen „Buttermilch und Brötchen“ Lunch vorgesetzt. Ich erinnere mich noch heute, dass meine Kollegen, die Franzosen und die Belgier, wie vom Donner gerührt waren.

ETH: Hat sich das in der Zwischenzeit geändert?

K.S.: Nein, es gibt immer noch Buttermilch zum Mittagessen oder normale Milch. Ich trinke dann wenigstens Buttermilch, weil die sehr gesund ist.

ETH: Welche Lebensmittel aus Deutschland und welche Gerichte haben Sie anfangs am meisten vermisst?

K.S.: Ich vermisste und vermisse immer noch das deutsche Brot. Das ist, glaube ich, ganz klassisch, das vermissen alle Deutschen oder Österreicher oder Schweizer. Ich versuche aber, mich damit einzudecken. Sobald ich Besuch bekomme, bitte ich den, mir was mitzubringen. Das Brot viertle ich dann und friere es ein. Mein Mann ist das nicht gewöhnt, der ist Holländer, und der findet das viel zu hart und zu schwer. Aber ich liebe es – schweres, kompaktes, knuspriges deutsches Brot.

Brot Pfannkuchen

steinbauer-groetsch©2013

Geschmack der Heimat

ETH: Ist der Geschmack der Heimat nach über 20 Jahren in den Niederlanden verflogen oder hat er sich vielleicht sogar verstärkt?

K.S.: Ich bin im Badischen aufgewachsen. Wenn ich da bin, dann schlage ich voll zu. Nicht nur beim Brot, bei den Brezeln und Laugenbrötchen. Auch die Gartensalate mit frischen Kräutern und Dressing drauf schmecken ganz wunderbar. Meine Eltern kommen ursprünglich aus der Gegend von Frankfurt, deshalb macht meine Mutter ab und zu noch Grüne Soße. Das ist dann immer ein großes Fest. Ich habe einen Kollegen von DPA, der hat mir mal aus Frankfurt die Zutaten mitgebracht, und dann hebe ich hier eine Riesenschüssel zubereitet. Meine holländischen Freunde sind hemmungslos drüber hergefallen.

ETH: Was war Ihr erinnerungswürdigstes kulinarisches Erlebnis in der ersten Zeit in Leiden?

K.S.: Am Anfang war meine kulinarische Oase die indonesische Küche, die Reistafel. Einmal war ich mit meinem damaligen Freund beim Indonesier essen, und der wollte mich schonen und hat mir ein Gericht vorgesetzt, das nicht besonders scharf war. Ich erlaubte mir, um etwas mehr Würze zu bitten. Darauf brachte er mir etwas anderes. Beim ersten Bissen dachte ich, jetzt steht mein Mund in Flammen.

Kerstin Schweighöfer im Interview

steinbauer-groetsch©2013

ETH: Wie war das mit dem ersten Haring? Irgendwann haben Sie vermutlich einen versucht?

K.S.: Für mich ist das nichts, aber ich finde es toll, wie die Holländer das Essen von so einem Haring zelebrieren: Kopf in den Nacken, den Fisch langsam in den Mund gleiten lassen und schlucken. Das ist für die Holländer der Gipfel des Genusses. Als ob ein „engeltje op je tong piest“, als ob ein Engelchen auf deine Zunge pinkelt.

Stellenwert des Essens

ETH: Wie unterscheiden sich Ihrer Meinung nach die Niederlande von Deutschland, was den Umgang mit und den Stellenwert von Essen betrifft?

K:S.: Grundsätzlich ist Essen für die Holländer nach wie vor nicht so wichtig wie für die Deutschen oder auch für die Belgier. Es ist eine Notwendigkeit, weil man sonst nicht durch Tag kommt. Man muss essen, aber dass man sich wirklich dem Genuss hingibt, dass es was Sinnliches ist, diese Haltung wird erst jetzt langsam populärer.

ETH: Hat der Calvinismus einen großen Einfluss auf dieses Verhältnis zum Essen?

K.S.: Für die Nachkriegsgeneration, die von meinem Schwiegervater, war es noch eine Sache, für das man nicht so viel Zeit verschwenden sollte. Man aß eigentlich, um zu arbeiten. Die calvinistische Dreifaltigkeit kulinarisch, das waren aardappel, groenten, vlees (Kartoffeln, Gemüse, Fleisch, A.d.R.). Essen durfte nicht zu sinnlich und nicht zu üppig sein: doe maar normal, dann doe je al gek genoeg. Halt‘s einfach, halt‘s normal, bloß nicht übertreiben und bloß nicht zu viel. Diese Haltung findet man auch beim Essen.

ETH: Haben Sie da persönliche Erfahrungen gemacht?

K.S.: Und ob. Ich streiche zum Beispiel gerne Quark und Himbeer-Marmelade auf mein Brot und das recht üppig. Ich bekomme heute noch vorgeworfen, dass ich zu dick auftrage. Das ist auch typisch calvinistisch. Da geht es dann nicht drum, und das habe ich auch in meinem Buch geschrieben, dass ich zu dick werde. Nein, dick auftragen ist Verschwendung. Und Verschwendung ist die höchste Sünde, die man als Calvinist begehen kann.

Mangel an Sinnlichkeit

ETH: Ist diese Haltung das bei der jungen Generation auch noch verbreitet?

K.S.: Bei der ganz jungen Generation ist es weniger geworden, aber bei allen über 40 merkt man das immer noch. Das Sinnliche, la grande bouffe ist für Calvinisten völlig undenkbar.

ETH: In Deutschland lädt man gern zum Essen ein. Familie, Freunde, Arbeitskollegen. Wie ist das in den Niederlanden?

K.S.: Ich weiß gar nicht, ob es so große Unterschiede zwischen Deutschland und den Niederlanden gibt. Ich glaube nur dass, wenn die Deutschen einladen, es etwas üppiger ausfällt. Kuchenorgien wie bei uns gibt es hier nicht. Die Holländer sind da wirklich zurückhaltender. Die halten in der Regel mehr das Maß. Das ist auch der Unterschied zwischen dem Katholischen und dem Protestantischen.

ETH: Was mir Anfang der 90er Jahre auffiel war, dass Niederländer meist zum Borrel einluden, zu ein paar Häppchen und ein Glas Wein. Auf meine erste Einladung zum Essen musste ich ein Jahr warten.

K.S.: Das stimmt. Ich glaube, in Deutschland lädt man schneller zum Essen ein. In den Niederlanden muss man lange warten, bis es so weit ist. Dass man wirklich ein großes Menü kocht mit ein paar Gängen und Freunde an den Tisch setzt, das passiert weniger.

ETH: Leiden, Ihr Wohnort, feiert jedes Jahr am 3. Oktober die Befreiung von den spanischen Besatzern mit viel Alkohol und einem speziellen Gericht, dem Leidse Hutspot. Was hat es mit diesem Gericht auf sich?

K.S.: Beim Kampf um Leiden sollen spanische Belagerer einen Topf auf dem Feuer vergessen haben, als sie vor dem Wasser flüchten mussten. Die Legende sagt, dass im Topf Karotten, Zwiebeln und Kartoffeln und Fleisch waren. Zur Erinnerung an die Befreiung essen die Leidener noch heute am 3. Oktober den sogenannten Leidse Hutspot mit eben diesen Zutaten. Und morgens verteilt der Bürgermeister Heringe und Weißbrot. Ich finde es übrigs sehr bemerkenswert, dass die Holländer ihren Erzfeind, das Wasser eingesetzt haben, um den anderen Erzfeind, die Spanier, zu verjagen.

steinbauer-groetsch©2013

Thanksgiving – eine niederländische Tradition?

ETH: Der 3. Oktober hat kulinarisch ja weite Kreise gezogen.

K.S.: Ja, genau. Die Pilgrim Fathers, die Gründerväter Amerikas, lebten eine Zeit in Leiden. Weil ihnen aber die Holländer schon damals zu offen und tolerant waren, segelten sie auf der Mayflower nach Amerika. Und sie nahmen viele Sitten und Gebräuche mit in die neue Welt. Es heißt, dass sogar der amerikanische Thanksgiving Day auf den Leidener 3. Oktober zurückgeht. Erst Lincoln verlegte ihn später in den November.

ETH: In der niederländischen Küche gibt es eine Reihe von Stamppot-Gerichten. Das sind Speisen, in denen Kartoffeln grob zerstampft und mit unterschiedlichen Zutaten vermengt werden. Das kann Endiviensalat sein, Kohl, Speck oder Käse. Woher kommt diese Neigung zum Zerstampfen und Vermischen?

K.S.: In den Niederlanden ist auffallend viel Essen weich. Das fängt beim Brot an, dann diese Stamppot-Gerichte und auch Pfannkuchen. Vielleicht hat es damit zu tun, dass Klima und die Umwelt so rau sind, dass man kulinarisch nichts Hartes zwischen die Kiefer kriegen will. Das ist allerdings meine eigene Theorie. Geschichtlich kommt es wohl eher aus der bäuerlichen Kultur. Und davon, dass es nie eine ausgeprägte höfische Kultur gab, wie in Frankreich oder England.

ETH: Welche Rolle spielt Kochen überhaupt im Leben der Niederländer?

K.S.: Generell stellt man sich nicht so lange in die Küche wie in Deutschland. Meine Schwiegertochter und ihr Mann kaufen sogar die Kartoffeln vorgekocht, weil sie dann mehr Zeit haben, nach dem Essen noch ins Fitnessstudio zu gehen. Dass das mehr kostet, das nehmen sie in Kauf. Und noch etwas ist anders als in Deutschland.

ETH: Nämlich?

K.S.: Kuchen backen. Damit haben die Holländerinnen im allgemeinen nicht viel am Hut. Die kaufen den Apfelkuchen beim Bäcker fertig oder sie kaufen eine Backmischung.

Teuere Restaurants

ETH: Essen gehen ist in den Niederlanden ein recht teures Vergnügen. Trotzdem sind die Restaurants, auch der Spitzenklasse, ausgebucht. Ist die Lust zum Genuss nun auch in den Niederlanden angekommen?

K.S.: Das ist eine Entwicklung der letzten 20 Jahre. Als ich nach Leiden kam, da waren die Holländer recht genügsam. Dann sind sie durch das Gas und auch durch die Internet Blase ziemlich reich geworden. Heute fahren sie teure Autos, tragen teure Kleider und sie gehen teuer Essen. Nach Luxemburg haben die Niederländer den höchsten Lebensstandard in Europa.

steinbauer-groetsch©2013

ETH: In Ihrem Buch schildern Sie, wie Sie mit einem selbstgebackenen Marmorkuchen Ihre niederländischen Nachbarn beeindruckten. Verraten Sie uns das Rezept?

Kuchen von Mutter

K.S.: Gerne. Der besagte Kuchen geht auf ein Rezept meiner Mutter zurück. Man nimmt 500 g Mehl, 5 Eier, 1 Päckchen Vanillezucker und ein Päckchen Backpulver, etwas Salz, 250 g Zucker, und 250 g Butter. Zunächst verrührt man Butter, Zucker und Eier, dann fügt man Mehl, Vanillezucker und Salz hinzu. Gegebenenfalls etwas Milch dazugeben, dass der Teig schön geschmeidig wird. Für den klassischen Marmorkuchen nimmt man 1/3 der Masse ab und vermischt die mit ein paar Löffel n dunklem Kakaopulver und ebenso viel Zucker. Etwas Rum oder Cognac und auch evtl. wieder etwas Milch dazu geben, damit der Teig schön geschmeidig bleibt. Dann fettet man eine Kuchenform ein, gibt erst die Hälfte der weißen Masse hinein, dann die Kakaomasse und dann den Rest der weißen Masse. Mit einer Gabel einmal spiralförmig durchgehen, damit ein Marmor-Muster entsteht. Alternativ zu weiß/ braun: Man rührt Kakao, Nüsse und Schokoraspel unter den gesamten Teig, und dann ab in den Ofen. Wichtig ist, dass der Teig nicht zu fest wird – immer schön Milch dazugeben, wenn’s zu fest zu werden droht! Dann bei 180 Grad 45-60 min in den Ofen. Und am Ende natürlich mit Puderzucker bestäuben.

ETH: Kerstin Schweighöfer – vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch. Ich habe jetzt Lust auf Kuchen!

Kerstin Schweighöfer: Auf Heineken könn wir uns eineken. Mein fabelhaftes Leben zwischen Kiffern und Kalvinisten.

Piper Verlag: München 2012.

ISBN 978-3-492-27292-6

1 Kommentar
  1. Hallo Barbara,
    Wie du selbst schreibst: Dieses Gespräch war/ist wirklich sehr aufschlussreich!
    Danke fürs Rezept vom Marmorkuchen: Hatte zwar selbst schon ein österreichisches (bei uns heißt der Kuchen ja dann auch „Marmorguglhupf“), werde für Familie und Freunde jedoch einmal das Rezept von Kerstin Schweighöfer ausprobieren (wenn meine Schwiegereltern – was der Bauer nicht kennt, isst er nicht! – meinen Kuchen annehmen… Bin schon sehr gespannt, wie sich der Alkohol im Teig auf das Backen auswirkt!

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