Küchen fürs Leben

Küchen fürs Leben

Was macht man, wenn alte Freunde ein Jubiläum feiern und man nicht dabei sein kann? Blumen schicken? Anrufen? Ich habe mich für ein anderes Geschenk entschieden: ein Interview. Seit 25 Jahren bauen die Möbelmacher aus Unterkrumbach im Nürnberger Land maßgeschneiderte Küchen aus regionalem Massivholz. herwig Danzer und Gunther Münzenberg stehen hinter der individuellen Möbelmanufaktur mit nachhaltigem Anspruch. Ich habe das Vergnügen, in Wassenaar in einer Möbelmacher-Küche aus fränkischem Kirschbaum kochen zu können, und habe so ein Stück meiner alten Heimat um mich. Immer wieder bin ich verblüfft wie gut man auf 7 qm  zurecht kommt, wenn die Arbeitsabläufe optimiert sind.

Gespräch über Gott und die Küchenwelt

Aber jetzt zum Interview mit herwig Danzer, mit dem ich vor 40 (!) Jahren die Schulbank drückte. Ein subjektives, persönliches Gespräch via Skype über „Gott und die Küchenwelt“ .

ETH: Was ist das Besondere an einer Möbelmacher-Küche?

h.D.: Das weißt du doch selbst (grinst).

ETH: Ja, aber ich kann’s nicht so schön erklären wie du.

h.D.: Unsere Küchen sind Einzelanfertigungen und sie sind aus Massivholz in der Kombination mit Edelstahl und Glas. Unsere  Oberflächen sind sehr robust und langlebig, damit schlagen wir das größte Vorurteil – nämlich dass Massivholzküchen empfindlich sind.

ETH: Kannst du dich noch an die erste Küche erinnern, die ihr ausgeliefert habt?

h.D:  Ja, ja, ich kann mich erinnern. (grinst) Aber die war nicht so toll, gemessen an dem, was wir heute produzieren.

 

Die Küche zum Kochen

ETH: Mit anderen Worten – ihr habt Euch entwickelt.

h.D.: Unbedingt. Am Anfang war unser Anspruch vorwiegend ökologisch. Das ist er immer noch, aber dazu sind viele andere Faktoren gekommen.

ETH: Zum Beispiel?

h.D: Immens beeinflusst hat unsere Art des Küchenbaus das Buch Die Küche zum Kochen von Otl Aicher, einem der wichtigsten Designer und Architekten des 20. Jahrhunderts. Er hat damals versucht, eine Küche selber zu bauen, fand aber kein Konzept, das ihm zusagte und begann dann, sich selbst mit dem Thema zu beschäftigen.

ETH: Was hat er anders gemacht?

h.D.: Er hat die Idee des Mittelzentrums entwickelt, das wir sehr früh aufgenommen haben. Anfangs noch ohne Kochgeräte. Die Kochinsel haben wir erst Ende der 90er gefertigt. Otl war übrigens ein Freund von Gerd Bulthaup. Das ist auch der Grund, warum die Philosophie von Bulthaup-Küchen und Möbelmacher-Küchen nicht so weit auseinander liegt, auch wenn wir andere Materialien verwenden.

ETH: Was hat sich  noch im Lauf der Jahre an Euren Küchen verändert?

h.D.: Verändert haben sich die Vielfalt der Materialien und auch die Bauweise. In unseren frühen Küchen hatten die Fronten die klassische Rahmenbauweise. Die würde uns heute kaum einer mehr abnehmen. Heute bauen wir Edelstahlstangen in das Holz und gewährleisten damit sowohl einen modernen Look als auch die Stabilität zum Beispiel in feuchteren Perioden wie im Frühjahr. Bei den Materialien hat sich sowieso einiges getan. Edelstahl und Glas gehören heute selbstverständlich auch dazu.

eintopfheimat©2013

 

Planung mit den Kunden

ETH: Was ist gleich geblieben?

h.D.: Das Konzept, dass wir gemeinsam mit dem Kunden planen und alle möglichen Varianten durchspielen. Da kommt uns heute unsere Erfahrung zu Gute. Kürzlich habe ich für einen Kunden sechs verschiedene Entwürfe gezeichnet. Aus diesen sechs kristallisierten sich schließlich zwei heraus und aus diesen beiden haben wir gemeinsam das endgültige Konzept gebastelt.

juregenburgmayr©fuerdiemeobelmacher

ETH: Du beschäftigst dich nicht nur mit der technischen und planerischen Seite des Küchenbaus, sondern auch mit Wohnkultur im Allgemeinen. Wie hat sich Küchenkultur in den letzten 25 Jahren entwickelt?

h.D.: Die Funktion der Küche hat sich verändert. Heute haben die Menschen das Bedürfnis, gemeinsam zu kochen, mit Freunden, mit Kindern. Kochen ist ein sozialer Akt geworden. Meine Mutter hat sich, wenn sie zum Essen eingeladen hat, vorher noch umgezogen und  durchgelüftet, damit es nicht nach Essen roch. Man sollte nicht merken, dass gekocht worden war. Wenn wir heute Freunde einladen, dann fragen die, ob sie eher kommen dürfen und mitkochen.

ETH: Die Küche als Gemeinschaftserlebnis anstatt Funktionsraum?

h.D.: Ja und nein. Ich würde sagen, die Funktionalität von modernen Küchen ist sogar noch gestiegen, was Gerätetechnik und Ergonomie betrifft, aber darüber hinaus ist es eben auch ein sozialer Treffpunkt geworden.

ETH: Wird heute mehr und anders gekocht?

h.D.: Die Kunden, die zu uns kommen, kochen alle gern. Deshalb ist meine Erfahrung nicht repräsentativ. Unsere Kunden beschäftigen sich oft intensiv mit Ernährung und wenn das nicht so wäre, kämen sie wahrscheinlich nicht zu uns. Das ist ein bisschen wie beim Autokauf. Wer gern schnell fährt, der kauft sich keinen Kleinwagen.

 

Genießen mit Perfektionismus

ETH: Mir fällt in den Niederlanden immer wieder auf, dass Essen und Genießen einen viel niedrigeren Stellenwert haben als in Deutschland, was aus der kalvinistischen Tradition herrührt.  Wie erlebst du das bei den Kunden?

h.D.: Ich kann das an einem Produkt fest machen, dem Tellerwärmer. Der ist Luxus und im Prinzip völlig überflüssig, denn man könnte sich auch anders behelfen. Trotzdem ist in der Zwischenzeit bei 70% unserer Küchen ein Tellerwärmer drin. Denn man mit hochwertigen Zutaten kocht, dann gehört  zum Genuss auch die richtige Temperatur. Vielleicht neigen wir Deutschen beim Genießen auch zum Perfektionismus.

ETH: Ihr legt sehr viel Wert auf regionale Wirtschaftskreisläufe. Wie funktioniert die Zusammenarbeit zum Beispiel mit der Forstwirtschaft?

h.D.: Die Forstbetriebsgemeinschaft Nürnberger Land weiß, was wir wollen und  wie viel wir wollen und übernimmt für uns die Vorsortierung. Es gibt aber auch Ausnahmen, zum Beispiel Submissionen, also Versteigerungen, an denen der Co-Geschäftsführer Gunther Münzenberg teilnimmt. Da kommen oft unsere „Exoten“ her.

ETH: Was meinst du mit „Exoten“?

h.D.: Das sind seltenere regionale Holzsorten wie Apfel, Elsbeere oder Pflaume im Gegensatz zum Standard wie Buche, Eiche, oder Ahorn.

ETH: Wie viel Prozent des Holzes, das ihr verarbeitet, kommen aus der Region?

h.D.: Wir garantieren 95% aus der Region, die wir als einen Umkreis von 100 Kilometern definieren. In den meisten Jahren liegen wir aber noch darüber. Allerdings machen wir daraus keine Neurose, es kommt immer auf den Zusammenhang und auf den Kunden an. Unumstößlich ist, dass wir keine Tropenholz verwenden und keine Spanplatten.

ETH: Ihr macht Euch auch stark für die regionalen Lebensmittel-Produzenten. Wieso?

h.D.: Weil es eine logische Folge unseres regionalen Ansatzes ist. Bereits 1998 haben wir alle Direktvermarkter zu uns eingeladen. Slow Food Nürnberg war bei unserem ersten Tag der Regionen bei uns in der Werkstatt zu Gast. Daraus ist eine langjährige Zusammenarbeit entstanden. Wenn wir Kochshows veranstalten, dann beziehen wir immer auch Produkte der Direktvermarkter und Produzenten aus der Region ein. Und oft interessierten sich Menschen, die sich bewusst ernähren,  auch für unsere Küchen.

 

25 Jahre Nachhaltigkeit

ETH: Um die Nachhaltigkeit vom heute keine Firma mehr herum. Bei Euch gehört sie seit  25 Jahren zum Konzept.

h.D.: Wir waren eigentlich schon nachhaltig, bevor der Begriff in Deutschland gebraucht wurde. Bei uns lief das damals unter dem Öko-Label. Aber wir haben schon immer nicht nur Wert auf nachhaltige Materialien gelegt, sondern auch die soziale und ökonomische Aspekte. Der Begriff ist sicher hilfreich, denn er ist einfach weiter definiert als das Ökolabel. Aber wichtiger als der Begriff ist uns, dass wir ihn wirklich mit Inhalten füllen.

steinbauer-groetsch©2013

steinbauer-groetsch©2013

ETH: Welche sind?

h.D.: Materialen aus der Region, ein vernünftiges ökonomische Konzept und ein familienfreundliches Arbeitsumfeld.

ETH: Funktioniert der regionale, nachhaltige Ansatz in einer globalisierten Welt aus unternehmerischer Perspektive?

h.D.: Keine Frage, wir leben in einer globalisierten Welt, aber ich glaube, dadurch gewinnt die Region auch wieder an Wert. Da entwickelt sich der Wunsch nach Vertrautheit. Unsere Kunden erwerben etwas, was aus der Region kommt und in der Region gefertigt wurde. Ich glaube, an den Stellen, an denen Regionalität funktioniert, hat sie große Chancen.

ETH: Möbelkonzerne können Küchen viel preisgünstiger anbieten. Was sagt Ihr Kunden, die Eure Küchen toll finden, sie sich aber nicht leisten können?

h.D.: Der Preis entsteht aus Material und Arbeitszeit, das heißt, wir können daran schlichtweg nichts tun. Wir bieten aber zum 25-jährigen Jubiläum eine neue Basic-Serie an, die sich an junge Kunden richtet. Das ist ein Bett, eine Bank und ein Tisch. Mal sehen, wie das ankommt.

ETH: Euer Betrieb liegt in einer wirtschaftlich relativ intakten, ländlichen Gegend. Könntet ihr auch in einem städtischen Ballungszentrum so arbeiten wie ihr es tut? Oder andersherum. In wie fern bedingt die Umgebung die Produktionsbedingungen?

h.D.:Es ist vielleicht ein logistischer Nachteil, nicht näher an der Stadt zu sein. Die Nürnberger empfinden es tatsächlich als Weltreise, zu uns heraus zu kommen. Aber gleichzeitig hat unser Standort  natürlich den Vorteil, dass wir einen wunderschönen Arbeitsplatz haben und die Rationalität direkt leben.

diemoebelmacher©2013

 

Die Küche der Zukunft

ETH: Wie wird die Küche der Zukunft aussehen? Welche Trends sind im Kommen?

h.D.: Der Trend beim Material geht hin zu noch mehr Glas, auch zum Fotodruck auf Glas. Das ist heute problemlos technisch möglich. Die  Oberschränke sind bei uns jetzt mit Hochfaltklappen ausgestattet, das ist sehr funktional.

ETH: Und bei der Geräte-Ausstattung? Was gibt es da an Neuem?

h.D.: Sous-vide kommt auch in Privatküchen in Mode. Man kann dabei mit ein paar Tricks noch mehr Geschmack aus einem Lebensmittel herausholen. Mir ist das Verwenden von Plastikfolie ein bisschen unangenehm, aber ich weiß, wie viele Toppköche auch bei uns in der Region von der Garmethode begeistert sind.

ETH: 2050 werden ¾ der Weltbevölkerung in Städten leben. Energie, Wasser und Nahrung sind die drei großen Herausforderungen der Zukunft. Kann Euer Ansatz auch in dieser Welt funktionieren?

h.D.: Problemlos. Die müssen alle kochen.

ETH: Apropos kochen. Ich weiß, dass du extrem gern und gut kochst, aber was ist eigentlich dein Lieblingsgericht?

Ich hab sehr viele, zum Beispiel die Quiche von meiner Frau, aber die Rouladen mit den böhmischen Knödeln meiner Mutter sind vermutlich genetisch unumstößlich.

 

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